Marktausblick Gold 2020

Von Benjamin-Deutsch, Chefvolkswirt und Chefanalyst von Kettner Edelmetalle

Ich möchte Sie auf eine Reise mitnehmen, welche in den nächsten Jahren einzigartig werden kann – denn eine solche Situation haben wir in unserer Lebenszeit auf keinen Fall erlebt: Wir haben globale Negativzinsen, wir haben globalen Populismus, die Unsicherheit weltweit ist so groß wie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr. Auch wenn sie es spüren und sich denken: „Ich muss in Edelmetalle investieren, ich habe kein gutes Gefühl mehr bei dem, was draußen passiert, dann kann ich ihn absolut zustimmen – denn genau das ist es: Wir leben wirklich in einzigartigen Zeiten. Und es ist nicht nur ein Gefühl, sondern das kann man statistisch super nachweisen.

Wo stehen wir im großen Ganzen? Und wohin geht’s weiter? Wir sprechen über die globalen Realzinsen – das Allerwichtigste für Edelmetalle. Dann sprechen wir über das Geldmengenwachstum in den USA: Die Federal Reserve hat einen so genannten „U-Turn“ gemacht. am Anfang des Jahres und schon drei Zinssenkungen mittlerweile hinter sich – ob noch weitergeht oder nicht, werden wir später besprechen. Dann geht es weiter zu Gold und Silber, wir werden uns einen Marktausblick anschauen. Abschließend sprechen wir über den US-Dollar und Rohstoffe, denn Rohstoffe könnten auch in den nächsten Jahren ein sehr interessantes Pflaster sein.

Zuerst blicke ich auf den „Dow Jones Industrial Average“: Das ist der US-Aktienmarkt von den größten 30 Industrieunternehmen in den USA. Worauf Sie sich hierbei fokussieren sollten, sind diese rosaroten Balken – das stellt nämlich die Rezessionen dar, die in den USA in ganz regelmäßigen Abständen stattgefunden haben. Und die Frage ist jetzt derzeit, wo mit sich die Finanzwelt diesen Sommer stark beschäftigt hat: Kommen wir jetzt in eine Rezession? Ist es nun soweit? Hat der US-Geschäftszyklus gedreht und die US-Wirtschaft? Geht man in eine Rezession? Es war damals fast schon Panik in den Aktienmärkten. Wir hatten 19 Billionen US-Dollar an Negativverzinsung. Der Goldpreis ist daraufhin explodiert. Der Silberpreis ist auch fast auf 20 US-Dollar gestiegen. Die Frage ist natürlich: Wohin geht’s jetzt, wenn wir die Rezession sehen. Was ich Ihnen mit dieser Grafik zeigen möchte, ist dass es völlig natürlich ist, das die US-Wirtschaft alle vier bis elf Jahre in eine Rezession schlittert. Natürlich könnte man jetzt sagen: Ja, dieses Mal wird es nicht so sein. Dann sprechen Sie aber ganz deutlich gegen die Geschichte und einen verlässlichen Trend.

Der nächste Graph ist die Dauer der US-Geschäftszyklen. Dieser Graph beginnt ab 1850 und es wird sehr deutlich, dass wir uns aktuell im längsten US-Geschäftszyklus aller Zeiten befinden. Das bedeutet: Die US-Wirtschaft ist seit Juni 2009 in einer ständigen Expansionsphase und noch nicht in einer Rezession. Die Notenbanken der USA und  auch in Europa wollen diese Rezession mit aller Macht verhindern. Man lässt sie nicht zu, man druckt stattdessen weiter Geld. Die EZB hat gerade noch ein neues QE- Programm verabschiedet, bevor Mario Draghi seinen Job an den Nagel gehängt hat – und Frau Lagarde ist nicht gerade besser, was die Interventionen der Notenbanken anbelangt. Festzuhalten ist: Alle vier bis elf Jahre kommt es zu einer Rezession. Das ist historisch so, dagegen kann man nicht argumentieren. Der aktuelle Geschäftszyklus der USA läuft seit zehn Jahren und sechs Monaten – wir sind also bereits im elften Jahr.

Schauen wir auf den „Business Cycle“, also auf den US Geschäftszyklus. Dieser wird durch zwei makroökonomische Indikatoren abgebildet: Der ISM steht die Industrie und NMI für die Dienstleistungen. Wenn man jetzt jeden Grafen anschaut, haben wir in Blau den Dienstleistungsbereich und in Rot den Industrie-ISM. Das ist mehr weniger genau der Geschäftszyklus der USA. Und wie wir hier sehen, kam es im Jahr 2001 zu dieser großen Korrektur im ISM. Das war damals die Technologieblase, die geplatzt ist. Und anschließend hatten wir wieder den Aufschwung, einen Rohstoffboom und anschließend die große Finanzkrise im Jahr 2008. Beide Indikatoren haben bereits 2006 und 2007 angezeigt, dass etwas nicht stimmt. Obwohl der Aktienmarkt weiter gestiegen ist, sind diese Vorlaufindikatoren längst gefallen und haben Recht behalten – es kam der große Crash in den Märkten und was danach passiert ist, war beispiellos: Die Notenbanken haben Geld gedruckt wie nie zuvor und haben diesen US Geschäftszyklus aufs Neue angetrieben.

Mittlerweise sind wir in dieser rekordverdächtig langen Expansion seit zehn Jahren und sechs Monaten. Und was aber jetzt interessant ist: Ende 2018 sind diese beiden Indizes wieder nach unten gedreht. Sie sehen, dass die Industrie stärker fällt wie die Dienstleistungen – das war auch der Grund, warum diesen Sommer die ganze Finanzwelt panisch reagiert hat und den Beginn einer Rezession befürchtet hat: Wenn der ISM unter einen Wert von 50 fällt, heißt es nichts anderes als dass die US Wirtschaft kontrahiert. Ist dieser Index über 50, dann heißt es dass die US Wirtschaft expandiert. Wird die US-Wirtschaft also von hieraus fallen in die Richtung des Jahres 2008 oder kann es einen Mini-Zyklus geben und die Rezession und ein paar Jahre hinauszögern? Möglich ist alles.

Hier zeige ich Ihnen noch den Graphen mit dem ISM und dem NMI überlagert mit dem SMP 500. Damals ist der SMP im Jahr 2005 und bis 2007 gestiegen und diese beiden Indizes, also die Vorlaufindikatoren der US Wirtschaft, sind schon gefallen. Und Leute, die damals auf diese Indikatoren geschaut haben, haben verstanden, dass sie erste Positionen von der Börse abziehen sollten und Cash sowie Edelmetallbestände aufbauen. Und tatsächlich kam der Crash.

Wenn wir auf die heutige Situation blicken, sehen wir die gleiche Ausgangslage: Wir sehen, dass die Indizes ihre Tops gemacht haben. Im Jahr 2018 und seitdem sind sie nonstop gefallen. Allerdings ist der Aktienmarkt weiter gestiegen und hat neue Allzeithochs markiert. Wenn man sich anschaut, was die Federal Reserve heute macht, ist es auch kein Wunder, dass die Aktienmärkte weiter steigen, weil das Bargeld den Investoren so unschmackhaft gemacht wird und man einfach sagt: Okay, es gibt keine Alternative mehr.

Hier zeige ich Ihnen den China-Industriesektor und den China-Dienstleistungssektor. Wir schauen uns also jetzt von den drei größten Volkswirtschaften der Welt diesen Index an, denn hier können wir mit einem Blick sehen, wo diese Wirtschaften aktuell stehen. Und es sieht aus meiner Sicht nicht unbedingt gut aus, aber die Lage in China ist aus meiner Sicht deutlich besser als in den USA, weil China nicht von so hohen Niveaus kommt. Vielleicht ist es Ihnen auf der Grafik bereits aufgefallen: Der Industriesektor in rot ist deutlich schwächer als der Dienstleistungssektor. Dies macht auf den ersten Blick auch Sinn, denn wenn man viel billiges Geld hatte wie in den letzten Jahren und einen liquiditätsgetriebenen Boom, den wir hatten die letzten zehn Jahre, der hauptsächlich durch das billige Geld entstanden ist. Und da sind natürlich Unternehmen wie Versorger, die einen hohen Schuldenstand haben und mit viel Fremdkapital arbeiten, die profitieren von den Niedrigzinsen. Profitiert haben natürlich auch Immobilienunternehmen, Banken und Versicherungen. Wer hat nochdavon profitiert? Die Unterhaltungsindustrie, die Landwirtschaft und der Einzelhandel und Großhandel – das fällt alles in die Dienstleistungsindustrie.  Um eine Rezession zu bekommen, bräuchten wir auch einen schwachen Dienstleistungssektor. Das haben wir aber nicht. Noch ist der Dienstleistungssektor in China relativ stark und immer noch über der Marke von 50, was bedeutet, dass der Dienstleistungssektor immer noch wächst.

Nach den USA und nach China schauen wir nach Europa. Jetzt sehen Sie auch hier in Rot wieder den Industriesektor in Europa und in Blau den Dienstleistungssektor. Und gerade in Europa, wo der Export sehr wichtig ist, schaut der Industriesektor deutlich schwächer aus. Deutschland liegt weit unter 50 und befindet sich demnach bereits in einer Rezession. Wir haben also bereits eine Industrierezession. Der Dienstleistungssektor ist aber immer noch relativ stark und stabil. Und wenn man ein bisschen zurück schaut in die Hochphase der Eurokrise, waren Dienstleistungen relativ gleich auf mit der Industrie. Aber heute haben wir diese große Divergenz zwischen Dienstleistungen und Industrie.

Die nächste Folie zeigt die Einkaufsmanagerindizes und den Dienstleistungs-Einkaufsmanagerindex  und auch hier ist ganz klar diese große Divergenz zu sehen, denn die Industrie läuft leider Gottes nicht – wir haben gerade jetzt 10.000 Stellen bei Daimler abgebaut, Continental baut ab, Industrieunternehmen bauen ab. Der Industriesektor leidet und es gibt auch schon in Deutschland massenweise Proteste, die angekündigt werden, ich glaube es war „Mondays for Jobs“. Und ich muss durchaus die Frage stellen, wie schlecht es denn noch für die Industrie werden kann..

Zusammenfassend können wir aber jetzt sagen:

  • Wir haben eine klare Industrie-Rezession weltweit. Die drei Regionen, die ich auf den vorherigen Folien analysiert habe, machen über 50 Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Während die Industrie längst in einer Rezession steckt, sind die Dienstleistungen aber noch stark.
  • Eine aktuelle Rezession steckt nicht unbedingt in den Karten, was allerdings interessant ist: Kriegen wir noch mal eine kleine zweijährige Erholung, auch in der Industrie? Das wissen wir nicht.
  • Allerdings ist es auch völlig egal für Gold und für Ihre Edelmetallinvestments. Wir bekommen entweder einen Crash, wie es viele sagen, oder wahrscheinlich einen inflationären Boom, wo alles nochmal steigen wird, insbesondere die Rohstoffpreise.
  • Wir sind also absolut an einer Make-or-Break-Situation an den Märkten: Können sich die Einkaufsmanagerindizes nicht mehr erholen und wir gehen direkt runter. Dann wird es auf jeden Fall zu einer großen Rezession kommen und zu einem Crash der Wirtschaft.

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